Im Blättle des Schwerhörigenvereins Stuttgart 04/2025 wurde mein Artikel „Der Schatten“ veröffentlicht:
Als „Schatten“ bezeichnete der Psychiater und Begründer der Analytischen Psychologie C.G. Jung die dunklen Seite unserer Persönlichkeit, die wir an uns selbst ablehnen und ins Unbewusste verdrängen oder auf andere projizieren. Was könnten das für Eigenschaften – auch im Hinblick auf die Hörschädigung – sein? Hier einige Beispiele:
Besserwisser
Belehren gerne andere, wissen alles besser und glauben, den anderen durch ihre Belehrungen zu helfen, aber hauptsächlich polieren sie dadurch ihr durch die Hörschädigung lädiertes Selbstwertgefühl auf.
Duckmäuschen
Ducken sich weg, widersprechen nie, begehren nie auf, stellen keine Ansprüche an andere und glauben, dadurch besonders gut verträglich zu sein und bestens mit ihren Mitmenschen auszukommen. Dabei merken sie nicht, dass sie angstgesteuert sind, weil sie befürchten, im Streit wegen ihrer Hörbehinderung ohnehin zu unterliegen.
Helfer
Sind überall zur Stelle, wo Hilfe gebraucht wird, suchen sich auch selbst Aufgaben. Dadurch sind sie trotz ihrer Hörschädigung allseits beliebt und dies ist ihnen derart wichtig, dass sie sich gerne ausnützen lassen. Sie merken dies lange nicht und überfordern sich dadurch selbst.
Kummerkasten
Hören sich – trotz ernsthafter eigener Probleme und trotz ihrer Hörschädigung – jedes noch so kleine Problemchen ihrer Mitmenschen an, bedauern sie nach Kräften, arbeiten sich an Problemen anderer ab und merken dabei gar nicht, dass sie für die anderen nur so eine Art Mülleimer sind und sie sich mit der Zeit immer mehr emotional erschöpfen.
Mauerblümchen
Sind unscheinbar, tragen unauffällige Kleidung, richten ihren Blick auf den Boden oder zur Seite, reden nie von selbst, warten still und sehnsüchtig auf ihren Märchenprinzen oder -prinzessin und und merken nicht, dass ihre Erwartungen unrealistisch sind und sie sich vor hör-schwierigen Situationen des Kennenlernens drücken.
Missionare
Glauben, ganz genau zu wissen, was der beste Umgang mit der Hörschädigung ist und treiben einen hohen Aufwand, ihren Glauben unter die Leute zu bringen, indem sie aufwendige Präsentationen erstellen und jedes Wochenende Hunderte Kilometer quer durch Deutschland reisen, um ihr Patentrezept unter die Leute zu bringen. Dabei merken sie nicht, dass sie Familie, Freunde und Beruf zu Hause vernachlässigen.
Opfermentalität
Suchen sich – im Gegensatz zum echten Opfer – ihre Täter selbst, in dem sie provozieren, manipulieren und verleumden. Sie fühlen sich aber als echte Opfer, benehmen sich täuschend echt so und heischen nach Mitleid. Dabei merken sie nicht, dass sie Verantwortung für eigene Verfehlungen auf andere abschieben und sich vor Wiedergutmachung drücken.
Schwätzer
Reden viel und gerne, aber der Inhalt besteht oft aus heißer Luft oder sie geben ihr Steckenpferd zum Besten ohne Rücksicht auf die Interessen des Gegenübers oder auf die Situation. Dadurch fällt zwar ihre Hörbehinderung nicht so auf und sind stolz darauf, aber sie merken nicht, dass sie dadurch ihre Mitmenschen vergraulen.
Sicherlich gibt es noch viel mehr Eigenschaften als die hier angeführten. Die Advents- und Weihnachtszeit sowie der Jahreswechsel sind eine passende Gelegenheit, um uns auch mit unseren „verschatteten“ Persönlichkeitsanteilen auseinanderzusetzen. Warum ist das sinnvoll? Das Verdrängen ungeliebter Eigenschaften kostet viel Energie, die wir sinnvoller nutzen können. Die Projektion auf andere führt zu unnötigen Konflikten. Außerdem kann es sein, dass der Schatten auch unsere Fähigkeiten und Begabungen zudeckt, so dass diese kaum zur Geltung kommen. Wenn es uns jedoch gelingt, einiges Licht auf unseren Schatten zu werfen, können wir als Persönlichkeit reifen und uns insgesamt besser entfalten. In diesem Sinne wünsche ich euch eine besinnliche Adventszeit, glänzende Weihnachten und ein lichtvolles neues Jahr.
