„Ist das wirklich passiert?“

fragte sich der sechsjährige Philipp, nach dem er im Urlaub auf dem Campingplatz sexuell missbraucht worden war – und hielt das Erlebnis mehr als 20 Jahre lang unter Verschluss.

Zwar sind die Mehrzahl der missbrauchten Opfer Mädchen, aber auch Jungs können betroffen und die Folgen genauso gravierend sein: Schwierigkeiten mit Nähe und Intimität, Schlafstörungen, Ängste, Depressionen oder aggressives Verhalten gegen sich oder andere.

Bei männlichen Opfern kommt dazu, dass dies nicht ins klischeehafte Bild passt, das die Gesellschaft von einem Mann hat. Daher ist das Thema sexueller Missbrauch bei ihnen noch schambehafteter und es kommt hinzu, dass sie die Kontrolle haben, stark und wehrhaft sein müssen. Aus diesem Verständnis heraus deuten männliche Betroffene die erlebten Grenzverletzungen oft falsch, verharmlosen die Tat oder deuten sie um als „erste heterosexuelle Erfahrung“, also einvernehmlichem Sex. Vermutlich ist bei ihnen die Dunkelziffer besonders hoch.

Es kann bei Betroffenen sein, dass sie irgendwann im Erwachsenenalter die Vergangenheit einholt, z.B. Schwierigkeiten in Ehe und Partnerschaft, Schwierigkeiten mit Vaterschaft oder Leistungsabfall im Beruf – und die Erinnerung sich Bahn bricht. Dies ist sehr schmerzlich. Die Wahrheit tut weh, aber es lohnt sich, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Die Energie, die bisher für die Verdrängung aufgewendet wurde, kann nun für die Heilung des Traumas eingesetzt werden. Aber die Erlebnisse werden nie abgeschlossen sein und es bleiben Narben.

(Siehe auch Artikel „Philipp fragt sich: Ist das wirklich passiert?“ in der Stuttgarter Zeitung vom 11.11.25)