Sexsucht

Mit der neuen internationalen Klassifikation ICD-11 hat die Sexsucht einen eigenen Diagnoseschlüssel, nämlich 6C72 mit der Überschrift „Zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung“ erhalten. Hier die Beschreibung:

„Die zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung ist durch ein anhaltendes Muster des Unvermögens gekennzeichnet, intensive, sich wiederholende sexuelle Impulse oder Triebe zu kontrollieren, was zu einem repetitiven Sexualverhalten führt. Zu den Symptomen gehören u. a., dass wiederholte sexuelle Aktivitäten so sehr in den Mittelpunkt des Lebens der Person rücken, dass Gesundheit und Körperpflege oder andere Interessen, Aktivitäten und Verantwortlichkeiten vernachlässigt werden, dass es zahlreiche erfolglose Bemühungen gibt, das repetitive Sexualverhalten zu reduzieren, und dass das repetitive Sexualverhalten trotz negativer Konsequenzen fortgesetzt wird, obwohl wenig bis keine sexuelle Befriedigung daraus folgt. Das Muster des Unvermögens, intensive sexuelle Impulse oder Triebe und das daraus resultierende repetitive Sexualverhalten zu kontrollieren, zeigt sich über einen längeren Zeitraum (z. B. sechs Monate oder länger) und verursacht ausgeprägten Leidensdruck oder bedeutsame Beeinträchtigungen in persönlichen, familiären, sozialen, ausbildungsbezogenen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen. Sollte ein Leidensdruck durch moralische Auffassungen oder eine Ablehnung sexueller Impulse, Triebe oder Verhaltensweisen generell bestehen, so genügt dies nicht, um diese Diagnosekriterien zu erfüllen.“

Es geht hier also nicht einfach um eine besonders ausgedehnte sexuelle Betätigung oder um vielleicht moralisch verwerfliche Praktiken. Vielmehr fühlen sich die Betroffenen ihrer sexuellen Betätigung hilflos ausgeliefert, sie können nicht steuern ob und was sie wollen, und sie wollen immer wieder und immer mehr davon, obwohl es ihnen längst keinen Spaß mehr macht. Auch vernachlässigen sie dabei ihre Familie, Freunde, Beruf, Hobbies und setzen ihre Betätigung auch dann noch fort, wenn schädliche Folgen wie z.B. Scheidung, Kündigung, Vereinsamung, Ansteckung mit einer Krankheit wie AIDS eintreten.

Egal, ob exzessiv Masturbation (Selbstbefriedigung), Pornokonsum, Sex mit rasch wechselnden Personen oder sonstiges exzessives sexuelles Verhalten praktiziert wird, versuchen die Betroffenen, bestimmte Bedürfnisse damit zu erfüllen. Das kann zum Beispiel sein:

  • Aufpolieren eines geringen Selbstwertgefühls
  • Flucht aus einem als unglücklich erlebten Alltag
  • eine innere Leere scheinbar mit Lebendigkeit füllen
  • Bestätigung bei Männern / Frauen suchen
  • sich angenommen fühlen

Daher ist in der Therapie ein wichtiges Ziel, genau herauszufinden, welche Bedürfnisse hinter der Sexsucht stecken, ob es realistisch ist, diese zu erreichen, ob und ggf. welche Bedürfnisse losgelassen werden müssen, ob und welche Bedürfnisse auf eine andere, gesündere und befriedigendere Weise erfüllt werden können.

Es kann auch sein, dass noch weitere Süchte wie z.B. Alkoholsucht oder Spielsucht bestehen. Diese müssen ebenfalls, ggf. auch stationär, behandelt werden.

Ergänzend ist es oft hilfreich, eine Selbsthilfegruppe zu besuchen und sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Dies kann auch der Vereinsamung entgegenwirken. Eine Selbsthilfegruppe können Sie im Internet auf der Homepage https://anonyme-sexsuechtige.de suchen. Für Stuttgart sind zwei Mailadressen genannt: as-stuttgart@posteo.de und as-stuttgart-2@posteo.de

Die Stuttgarter Zeitung veröffentlichte am 29.11.2025 unter der Überschrift „Quälende Lüsternheit“ einen interessanten Artikel zum Thema.