Mein Erlebnis beim diesjährigen Weltgebetstag am 06.03.2026 brachte mich auf dieses Thema.
Da ich wusste, dass in der hiesigen Kirche keine Höranlage vorhanden war, fand ich mich frühzeitig ein, um ein Heft zum Mitlesen zum bekommen. Überraschenderweise war die Kirche bereits gut besucht und die wenigen vorhandenen Hefte waren alle vergriffen.
Als ich mich nochmals umschaute, ob nicht doch noch ein Heft übrig sei, fiel mir auf, dass ein paar Frauen, die nebeneinander saßen, jede ein Heft in der Hand hielt. Auf den ersten Blick dachte ich, sie hätten jeweils zu zweit reinschauen und ein paar Hefte weitergeben können. Doch beim genaueren Hinsehen bemerkte ich, dass jede dieser Frauen ihr Heft etwas verkrampft festhielt und ich dachte: „Sie wollen wohl unbedingt das Heft in der Hand halten. Sind sie vielleicht auch schwerhörig und wollen unbedingt mitlesen, um besser zu verstehen?“
Wir sprechen ja in übertragenem Sinne von „Ich nehme das Heft in die Hand“, wenn wir eine Situation steuern und kontrollieren wollen, wenn wir alles im Griff haben wollen.
Als Hörgeschädigte erleben wir es öfters, nicht oder nicht ausreichend zu verstehen. Das kann schnell mal zu einem Gefühl der Hilflosigkeit führen oder auch mal zu gefährlichen Situationen, etwa beim Arztbesuch. Da ist es gut, sich bei planbaren Ereignissen vorab Gedanken zu machen, wie wir das anstehende Ereignis in Bezug auf unsere Hörschädigung (mit-)gestaltet können.
Jedoch kann ein Kontrollbedürfnis auch übertriebene Formen annehmen und mehr schaden als nutzen. Denn wenn wir so kontrolliert sind, dass wir uns vor jeder unliebsamen Überraschung schützen möchten, nehmen wir uns gleichzeitig auch die Chance auf angenehme Überraschungen. Wir führen dann ein sehr eingeengtes Leben.
Das Wort „Enge“ ist übrigens eng mit dem Wort „Angst“ verwandt – und das führt uns zu dem, was hinter einem zu starken Kontrollbedürfnis steht, nämlich die Angst. Wagen wir einmal einen Blick auf die Angst. Was genau macht uns Angst? Welche Erfahrungen stecken dahinter? Ist die Angst voll berechtigt, teilweise berechtigt oder völlig unbegründet? Es ist nicht immer leicht, eine Situation richtig einzuschätzen. Es kann helfen, weitere Informationen einzuholen und uns untereinander auszutauschen, auch in unseren Gruppen des Vereins.
Beim Weltgebetstag stand das Land Nigeria im Mittelpunkt und dabei war Angst auch ein Thema. Besonders eindrücklich in Erinnerung ist mir ein kleines Theaterspiel: Eine Frau mittleren Alters und eine junge Frau spielten Mutter und Tochter in Nigeria. Die Mutter hat Angst, dass ihre Tochter auf dem Schulweg entführt wird und überlegt sich, ob sie ihre Tochter lieber zu Hause behalten sollte. Aber dann fehlte ihrer Tochter die notwendige Schulbildung und es nähme ihrer Tochter Chancen für ihre Zukunft. Eine echte Zwickmühle.
Entführungen kommen in Nigeria oft vor. Daher ist die Angst der Mutter um ihre Tochter leider nicht unbegründet.
Betrachten wir nun die Situation bei uns in Stuttgart. Vielleicht regen wir uns über die S-Bahn-Sperrung und den Busersatzverkehr auf oder ärgern uns über den Stau auf der Straße. Vielleicht haben wir auch Angst, dass unser Kind eine schlechte Note von der Schule nach Hause bringt. Aber dass unser Kind entführt wird, ist hier in Deutschland ziemlich unwahrscheinlich. Dafür dürfen wir dankbar sein. Dankbarkeit ist auch ein gutes Mittel gegen unsere doch manchmal übersteigerten Ängste und holt unsere Angst auf ein gesundes Maß herunter.
In diesem Sinne wünsche ich euch allen vielfältige Erlebnisse mit angenehmen Überraschungen und ein gesundes Maß, mit den unvermeidlichen unangenehmen Überraschungen fertig zu werden.
Dieser Artikel wurde veröffentlicht im Blättle 02/2026 (Juni 2026 – August 2026) des Schwerhörigenvereins Stuttgart.
