Hypnose – Heilung durch die Kraft der Worte

Der sehr lesenswerte Artikel „Die Kraft der Worte“ (Interview von Annette Lübbers mit der Narkoseärztin Dr. Nina Zech, veröffentlicht in der Zeitschrift „Spektrum Hören“ März/April 2021 als Nachdruck aus der Zeitschrift „Natur & Heilen 10/2018 ) veranlasste mich zu überlegen, was die Hypnose im ambulanten Bereich speziell für Hörbehinderte bieten könnte. Ich bin dabei auf folgende Anwendungsbereiche gekommen:

1. Hörstress

Schwerhörige und CI-versorgte Ertaubte (CI = Cochlear- bzw. Innenohr-Implantat) befinden sich in beruflich und privat meistens in Gesellschaft von gut Hörenden. Da Hörgeräte und CI’s sowie Zusatztechnik das Hören nicht komplett (wieder) herstellen können, haben sie einen erhöhten Aufwand bei der Kommunikation. Manchmal sind sie so erschöpft, dass sie sich selbst nicht mehr entspannen können. Dann kann die Hypnose zur Tiefenentspannung eingesetzt werden. Wenn das erfolgreich ist, kann die behandelte Person anschließend entweder ein bereits erlerntes Entspannungsverfahren wieder anwenden oder ein Entspannungsverfahren neu erlernen. Ich persönlich lehre und praktiziere das Autogene Training (AT). Das AT ist eine Art Selbsthypnose, wurde von Prof.Dr. J.H. Schultz aus der Hypnose heraus entwickelt und wird ohne Zuhilfenahme einer weiteren Person selbst angewendet.

2. Konfliktbewältigung

Die Hörbehinderung erschwert die situative Orientierung. Daher wissen sie oft nicht, warum sie in einen Konflikt geraten sind, übersehen nicht die gesamte Tragweite des Konflikts und finden nicht mehr heraus. Liegt es hauptsächlich an akustischen Missverständnissen? Oder ist die Stimmung im Betrieb allgemein gereizt wegen einem Gesamtproblem wie z.B. aus dem Ruder laufende Projekte oder einem drohenden Konkurs? Liegt ein Fall von Mobbing und/oder Bossing vor? Oder ist gar der Hörbehinderte Täter oder Mittäter und merkt das nicht? Hier kann versucht werden, durch die Frage an das Unbewusste eine Klärung herbeizuführen. Dazu sollte nur eine leichte Hypnose angewandt werden, um die Klienten nicht zu überfordern, und es müssen außerhalb der Hypnose Gespräche zum Durcharbeiten des herausgeholten Materials erfolgen.

3. Erschließung und Stärkung von Ressoucen

Oft haben Hörbehinderte ein geringes Selbstwertgefühl, da von ihnen erwartet wird (und vielleicht erwarten sie das auch von sich selbst), dass sie genau so sind und sich benehmen wie gut Hörende. Aber das ist auf die Dauer unmöglich und die Betroffenen erleben sich als rein defizitär. Eine große Rolle spielt auch, wie sie aufgewachsen sind und wie in ihrem familiären Umfeld mit Behinderungen umgegangen wurde und wird. Aber vielleicht können sie etwas anderes überdurchschnittlich gut wie z.B. die Mimik, Gestik und Körperhaltung der Mitmenschen besonders gut interpretieren, besonders zuverlässig und loyal sein, hilfsbereit sein, die coronabedingten Einschränkungen besser ertragen … und es ist ihnen nur nicht oder nicht ausreichend bewusst. Hier kann eine Bewusstmachung ihrer Fähigkeiten das Selbstwertgefühl stärken. Manchmal verbessern sich dadurch auch die Beziehungen zu den Mitmenschen.

4. Bei Gehörlosen bzw. Gebärdensprachbenutzern kann die Hypnose nicht im üblichen Sinne durch lautsprachliches Reden eingeleitet werden. Hier kann versucht werden, dies durch beruhigende Gebärden zu erreichen. Zum Klären und Bearbeiten des herausgeholten Materials wird ein Dolmetscher benötigt, wenn die behandelnde Person nicht oder nicht ausreichend gebärdensprachkompetent ist.

Abschließend weise ich darauf hin, dass vor Beginn einer Hypnosebehandlung ärztlich abgeklärt sein sollte, ob die Hypnose angewendet werden darf (es gibt Ausschlusskriterien) und ob deren Anwendung im konkreten Fall sinnvoll ist (nicht jeder Mensch ist hypnotisierbar und nicht jedes Problem kann durch Hypnose gelöst werden). Ansonsten ist die Hypnose ein wunderbarer Baustein auf dem Weg zur Heilung und Weiterentwicklung.