Ich habe im Blättle, der Vereinszeitschrift des Schwerhörigenvereins Stuttgart, 01/2026 folgenden Artikel „Der Schatten“ veröffentlicht:
Letztes Mal schrieb ich über C. G. Jungs „Schatten“ als die dunkle Seite unserer Persönlichkeit. Doch wo Schatten ist, ist auch Licht. Der Psychiater und Begründer der Analytischen Psychologie C.G. Jung nannte das Gegenstück des Schattens die Persona. Jedoch meint Persona nicht all das Gute, was in uns ist, sondern das, was wir unseren Mitmenschen von uns zeigen, also eine Art Maske – und diese Maske deckt sich nicht immer mit unserem Selbstbild. Hier ein paar Beispiele auf die Hörschädigung bezogen:
Verleugnung der Hörschädigung
„Ich höre eigentlich noch ganz gut.“
„Ich brauche keine Hörgeräte.“
Überschätzung von Hörtechnik und Hörtaktik
„Ich verstehe mit meinem CI (Cochlear Implantat) alles.“
„Ich höre mit meinen Hörsystemen genauso gut oder sogar noch besser als andere.“
„Ich kann jedes Wort von den Lippen ablesen.“
„Mit meiner Zusatztechnik komme ich bei großen Familienfeiern wunderbar klar.“
Verstecken der Hörtechnik
Es wird Wert darauf gelegt, dass die Frisur die Hörtechnik gut verdeckt (z.B. extra die Haare wachsen lassen) oder es wird auch bei warmem Wetter eine Mütze aufgesetzt.
Sozialer Rückzug mit Ausreden versehen
Die große Familienfeier ist zu anstrengend, da kaum Sprachverstehen in lauter Umgebung besteht. Anstatt dies bei deren Absage mitzuteilen, wird nach Ausreden (keine Zeit…) gesucht.
Überspielen mit Witzen, Anekdoten o.ä.
Bei großen Familienfeiern und anderen Veranstaltungen wird die Aufmerksamkeit der Mitmenschen durch Erzählen von Witzen, Anekdoten o.ä. zu gewinnen versucht. Gerne wird auch über Fehler und Missgeschicke anderer gelästert, um das eigene mangelnde Sprachverstehen zu verdecken.
Welchen Sinn und welche Gefahren hat nun eine Persona?
Öfters möchte die hörgeschädigte Person mit ihrer Persona einfach nur teilhaben, ohne immer und überall anzuecken. Uns sie möchte sich vor Übergriffen und Abwertung durch andere Menschen schützen. Beziehungen, ein soziales Netz zu unterhalten, ist unabdingbar und lebensnotwendig. Die Persona hat also – positiv gesehen – eine wichtige Schutzfunktion.
Der Nachteil ist, dass dieser Schutz zu Lasten der Individualität geht. Oft ist die soziale Anpassung (und die dahinter stehende Angst vor Ausgrenzung) so stark, dass das, was die hörgeschädigte Person ausmacht, fast vollständig hinter ihrer Persona verschwindet. Dann wissen die Mitmenschen nicht, mit wem sie es eigentlich zu tun haben, und leben ihre Beziehung mit einer „Fata Morgana“ anstatt mit der eigentlichen Person.
Doch die Sehnsucht, mitsamt der Hörschädigung akzeptiert zu werden, ist tief verankert – und diese Sehnsucht möchte gestillt werden. Eine zu stark abweichende Persona verhindert dies.
Es gilt, einerseits einen guten ersten Eindruck zu machen und andererseits offen zu sein. Dies ist eine schwierige Gratwanderung. Gleich beim Kennenlernen mit der Tür ins Haus zu fallen wirkt eher abschreckend. Aber bei passender Gelegenheit beiläufig und mit Fingerspitzengefühl auf die Hörschädigung hinzuweisen, wirkt oft weniger bedrohlich und lässt Verständnis wachsen. Aber manchmal klappt es einfach nicht und Misserfolge müssen ertragen und verarbeitet werden.

